Must-Haves: die Vorauswahl vor der Bewertung
Warum Ausschlusskriterien nicht in den Bewertungsbogen gehören, sondern davor: Region, Phase, Rechtsform, Vollständigkeit, Teamgröße als Ja/Nein-Fragen, von der Organisation geprüft. Mit einer Liste typischer Must-Haves und den Fehlern beim Formulieren.

Jede Ausschreibung hat Bedingungen. Sitz in der Region, Gründung nicht älter als fünf Jahre, mindestens zwei Gründer, ein Deck als PDF. Und in fast jeder Runde bewertet die Jury trotzdem Einreichungen, die diese Bedingungen nicht erfüllen, weil niemand vorher nachgesehen hat. Das kostet Jury-Zeit, verschiebt den Maßstab und führt zu der peinlichen Situation, dass ein Team auf Platz drei landet und dann nachträglich rausfliegt, weil es in der falschen Stadt sitzt. Must-Haves lösen das, wenn sie an der richtigen Stelle stehen: vor der Bewertung, nicht darin.
Was ein Must-Have ist
Ein Must-Have ist eine Frage, die sich mit Ja oder Nein beantworten lässt und bei Nein die Teilnahme beendet. Es ist kein Kriterium und bekommt keine Punkte. „Sitz in Hamburg“ ist ein Must-Have; „starker Bezug zur Region“ ist ein Kriterium. „Gründung nach dem 1.1.2022“ ist ein Must-Have; „frühe Phase“ ist ein Kriterium. Die Unterscheidung ist wichtig, weil ein Must-Have, das in den Bewertungsbogen rutscht, entweder alle Teams gleich bewertet (dann ist es kein Kriterium) oder Teams bestraft, die ohnehin nicht teilnehmen dürften (dann ist es kein Must-Have).
Die üblichen Must-Haves in Wettbewerben, Programmen und Netzwerken: Region (Sitz oder geplanter Sitz), Phase (Gründungsdatum, Umsatzgrenze, bisherige Finanzierung), Rechtsform (gegründet oder in Gründung, welche Form), Team (Mindestzahl, Vollzeit), Branche oder Thema (bei thematischen Programmen), Vollständigkeit (Deck, Formular, Finanzplan), Ausschlüsse (keine Teilnahme im Vorjahr, kein Mitarbeiter des Veranstalters, keine Insolvenz), und bei Investoren-Netzwerken: sucht das Startup gerade Kapital, in welcher Höhe, welche Art.
Wer prüft
Die Organisation, nicht die Jury. Must-Haves sind Verwaltung, und die Jury ist für das Urteil da. Praktisch heißt das: Nach der Frist geht jemand aus dem Team einmal durch alle Einreichungen und beantwortet je Einreichung die fünf bis acht Fragen. Das dauert bei sechzig Einreichungen einen Nachmittag. Was ein Nein bekommt, erhält eine kurze, freundliche Absage mit dem Grund, innerhalb einer Woche. Was durchkommt, geht an die Jury.
Bei Investoren-Netzwerken ist die Rolle oft ein Scout, der die Vorauswahl macht, bevor die Investoren das Deck sehen. Das ist dieselbe Logik: Die Person, deren Zeit am günstigsten ist, macht das Sieb; die Person, deren Urteil am wertvollsten ist, macht die Bewertung.
Drei Sorten von Nein
Nicht jedes Nein ist gleich. Ein hartes Nein ist ein Ausschluss: falsche Region, Team fehlt. Da gibt es nichts zu retten, die Absage geht raus. Ein weiches Nein ist eine Unvollständigkeit: Deck fehlt, Finanzplan fehlt, Formular halb ausgefüllt. Da lohnt eine Rückfrage mit Frist, weil gute Teams manchmal schlampig einreichen. Und ein Unklar ist ein Fall, bei dem die Organisation es nicht entscheiden kann: Sitz in Gründung, Gründungsdatum strittig. Das geht mit Vermerk an die Jury oder an die Leitung, wird aber vor der Bewertung geklärt.
Ein Bogen, der nur Ja und Nein kennt, produziert Streit über die Grenzfälle. Drei Antworten (ja, nein, unklar) mit einer Notiz je Antwort lösen das, und sie machen die Vorauswahl nachvollziehbar, wenn ein Team nachfragt.
Fehler beim Formulieren
Must-Haves, die niemand prüfen kann. „Skalierbares Geschäftsmodell“ als Teilnahmebedingung ist ein Kriterium, das sich als Must-Have verkleidet. Wenn die Antwort eine Einschätzung braucht, gehört sie in die Bewertung.
Must-Haves, die zu spät stehen. Wenn die Bedingungen erst in den Teilnahmebedingungen auf Seite vier stehen, bewerben sich Teams, die nicht teilnehmen dürfen, und sind zu Recht verärgert. Die fünf wichtigsten gehören in die Ausschreibung selbst, in einem Absatz, vor dem Bewerbungsknopf.
Must-Haves, die stillschweigend gelten. Jede Runde hat unausgesprochene Bedingungen, „wir nehmen keine Beratungsfirmen“, „kein Krypto“. Wenn sie nicht ausgeschrieben sind, muss die Jury sie bewerten, und das ist unfair gegenüber den Teams und lästig für die Jury. Ausschreiben oder streichen.
Zu viele Must-Haves. Acht sind viel. Jedes weitere schließt gute Teams aus, die eine Formalie nicht erfüllen, und macht die Vorauswahl langsamer. Wer zwanzig Bedingungen braucht, hat eigentlich ein Kriterium, das er als Bedingungen verkleidet.
Ein belegter Fall
Der changes.AWARD führt „Zuverlässigkeit“ als eigenes Kriterium, das nicht die Jury vergibt, sondern das Organisationsteam: Pünktlichkeit, Teilnahme an Coaching-Terminen, Kommunikation. Das ist ein interessanter Zwischenweg zwischen Must-Have und Kriterium. Es bewertet etwas, das die Jury aus dem Deck nicht sehen kann, und legt die Bewertung dorthin, wo die Information liegt. Wer ein Programm mit Terminen und Pflichten betreibt, sollte das prüfen: Ein Team, das im Bewerbungsprozess dreimal zu spät liefert, wird im Programm nicht pünktlicher.
Quellen
- changes.AWARD, Bewertungskriterien (Zuverlässigkeit als Kriterium des Organisationsteams)
- startklar Businessplan-Wettbewerb OWL, Teilnahmebedingungen
- Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg, Handbuch 2025
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