Eine Auswahlrunde von Anfang bis Ende: 40 Bewerbungen, sechs Finalisten
Eine Auswahlrunde Schritt für Schritt durchgerechnet: Must-Haves, Kalibrierung, zwei Juroren je Einreichung, Normierung, Schwellen, Diskussionszone und Rückmeldung. Mit allen Zahlen, Aufwand und Zeitplan. Ein erfundenes Beispiel, das du nachbauen kannst.

Ein erfundenes Beispiel. Der „Gründerpreis Nordufer“ und alle Teams gibt es nicht. Die Regeln und Zahlen sind so gewählt, wie sie in einer echten Runde dieser Größe vorkommen.
Die meisten Ratgeber erklären die Bausteine einer Auswahlrunde einzeln: Kriterien, Jury, Bewertung, Ranking. Was fehlt, ist das Ganze an einem Stück. Hier ist eine Runde von der Ausschreibung bis zur letzten Rückmeldung, mit allen Zahlen. Sie ist klein genug, um sie im Kopf zu behalten, und groß genug, dass jedes Problem einmal auftaucht.
Die Ausgangslage
Der Gründerpreis Nordufer ist ein regionaler Wettbewerb. Sechs Juroren, ein Orga-Team aus zwei Personen, ein Pitch-Finale mit sechs Plätzen, drei Preise. Bewerben können sich Teams aus der Region, die höchstens fünf Jahre alt sind. Eingereicht werden ein Pitch-Deck und ein kurzes Formular.
Vor der Ausschreibung legt das Orga-Team fünf Dinge fest und schreibt sie in die Teilnahmebedingungen: die Must-Haves, den Bewertungsbogen, die Zahl der Bewertungen je Einreichung, die Schwellen und eine Regel für Gleichstände. Das dauert einen Nachmittag und ist der wichtigste Nachmittag der ganzen Runde. Alles, was später kommt, beruft sich darauf.
| Festgelegt vor der Ausschreibung | Wert |
|---|---|
| Must-Haves | Sitz in der Region, Gründung vor höchstens fünf Jahren, Deck vollständig, Einwilligung in die Datenverarbeitung |
| Bewertungsbogen | Jury-Bogen: acht Kriterien, fünf Stufen, Gewichte 1 bis 3, Ergebnis 0 bis 100 |
| Bewertungen je Einreichung | zwei, unabhängig, verdeckt bis zum Speichern |
| Schwellen | ab 65 sicher im Finale, unter 45 sicher nicht, dazwischen Diskussionszone |
| Gleichstand | Liegen zwei Teams höchstens zwei Punkte auseinander, entscheidet die Vielfalt der Branchen im Finale |
Schritt 1: Vorauswahl, 40 werden 31
Vierzig Bewerbungen kommen bis zur Frist. Das Orga-Team prüft nur die Must-Haves, nicht die Qualität. Fünf Teams sitzen außerhalb der Region, zwei sind älter als fünf Jahre, bei vier fehlt das Deck oder ist unvollständig. Diese vier bekommen eine Nachfrist von drei Tagen; zwei reichen nach, zwei nicht.
Bleiben 31 Einreichungen. Die neun anderen bekommen innerhalb einer Woche eine kurze Absage mit dem einen Grund, an dem es lag. Das kostet eine Stunde und erspart Nachfragen.
Die Vorauswahl ist bewusst mechanisch. Wer hier schon nach Qualität sortiert, bewertet allein und ohne Bogen, und genau das soll die Runde vermeiden. Mehr dazu im Artikel über Must-Haves vor der Bewertung.
Schritt 2: Kalibrierung, eine Stunde vor dem Start
Bevor die Juroren loslegen, bewerten alle sechs dieselben zwei Einreichungen aus dem Vorjahr, jeder für sich. Dann vergleichen sie in einer Videokonferenz, Kriterium für Kriterium. Bei der ersten Einreichung liegen beim Finanzplan vier Juroren auf Stufe 3 und zwei auf Stufe 5. Die beiden hatten „Finanzplan“ als „gibt es einen“ gelesen, die anderen als „ist er nachvollziehbar“. Der Ankertext für Stufe 5 sagt das zweite. Nach zwanzig Minuten ist das geklärt, und genau solche Missverständnisse sind es, die später sonst als Streuung in den Ergebnissen landen.
Die Stunde ist der billigste Teil der Runde, gemessen an dem, was sie verhindert.
Schritt 3: Bewerten, 62 Bewertungen in zwei Wochen
Jede der 31 Einreichungen geht an zwei Juroren, zufällig verteilt, mit einer Ausnahme: Wer ein Team kennt, gibt es zurück. Zwei Juroren melden je einen Interessenkonflikt; die Einreichungen gehen an andere. Am Ende hat jede Person zehn oder elf Bewertungen, bei rund 25 Minuten je Einreichung also gut vier Stunden Arbeit.
Bewertet wird verdeckt. Niemand sieht die Werte des anderen, bevor die eigenen gespeichert sind. So sieht eine Bewertung aus, hier für das Team Hafenlicht Mobility:
| Kriterium | Gewicht | Jurorin A | Juror B |
|---|---|---|---|
| Neuheit | 2 | 4 | 4 |
| Alleinstellung | 3 | 3 | 4 |
| Kundennutzen | 3 | 4 | 4 |
| Markt | 2 | 3 | 3 |
| Umsetzungsplan | 2 | 4 | 3 |
| Finanzplan | 3 | 4 | 3 |
| Qualifikation | 3 | 4 | 4 |
| Klarheit | 2 | 4 | 4 |
| Ergebnis | 69 | 66 |
Gerechnet wird so: Jede Stufe zählt von 0 (Stufe 1) bis 1 (Stufe 5), also Stufe 4 = 0,75. Das wird mit dem Gewicht multipliziert, aufsummiert und durch die Summe der Gewichte geteilt, hier 20. Bei Jurorin A ergibt das 13,75 von 20, also rund 69 von 100. Das Mittel beider Bewertungen: 67,5.
Die beiden liegen nirgends mehr als eine Stufe auseinander. Es gibt nichts zu besprechen.
Schritt 4: Eine Abweichung, die man ansehen muss
Anders bei Speicherstadt Bio. Juror C vergibt 49, Jurorin E 58. Das allein wäre kein Anlass. Aber beim Finanzplan liegen die beiden zwei Stufen auseinander: C gibt Stufe 2, E Stufe 4. Zwei Stufen sind die Grenze, ab der die Runde hinschaut.
Die Rückfrage dauert fünf Minuten. Das Team hat die Kalkulation der Stückkosten in einen Anhang gelegt, den C nicht geöffnet hatte. Er sieht ihn sich an und korrigiert auf Stufe 3, mit dem Grund im Protokoll: „Anhang übersehen.“ Sein Ergebnis steigt auf 53, das Mittel auf 55,5.
Zwei Dinge sind daran wichtig. Erstens: Die Korrektur passiert, bevor das Ranking feststeht, und sie hat einen sachlichen Grund. Wer Punkte ändert, nachdem er das Ranking gesehen hat, ändert die Entscheidung, nicht die Bewertung. Zweitens: Das Team landet trotzdem in der Diskussionszone, nicht im Finale. Die Abweichung zu klären heißt nicht, sie zugunsten des Teams aufzulösen.
Schritt 5: Normieren, ein Juror ist strenger
Nach zwei Wochen liegen alle 62 Bewertungen vor. Über alle Juroren hinweg liegt das Mittel bei 55. Juror D vergibt im Schnitt 47, bei elf Bewertungen. Er ist nicht ungerecht, er ist streng, und zwar gleichmäßig. Die Regel aus den Teilnahmebedingungen: Jede Bewertung wird um die Differenz zwischen dem eigenen Mittel und dem Gesamtmittel verschoben. Bei D sind das acht Punkte nach oben.
Bei den meisten Teams ändert das nichts an der Einordnung. Bei Kaimauer AI schon: D hatte 61 gegeben, Jurorin E 66. Ohne Normierung liegt das Team bei 63,5 in der Diskussionszone, mit Normierung bei 67,5 sicher im Finale. Das ist kein Geschenk an das Team. Es gleicht aus, dass es zufällig den strengsten Juror bekommen hat.
Schritt 6: Schwellen statt Plätze
Nach der Normierung sieht die Runde so aus:
| Zone | Teams | Was passiert |
|---|---|---|
| ab 65 | 4 | sicher im Finale: Lotsenhaus (74), Fleetkontor (69), Hafenlicht Mobility (67,5), Kaimauer AI (67,5) |
| 45 bis 65 | 11 | Diskussionszone, zwei Plätze sind noch frei |
| unter 45 | 16 | sicher nicht im Finale |
Für die Diskussionszone trifft sich die Jury eine Stunde lang. Nicht für alle 31 Teams, nur für die elf in der Mitte. Auf dem Tisch liegen die Werte je Kriterium, die Abweichungen und die Begründungen.
Platz fünf ist schnell klar: Werftwerk Labs liegt mit 64,5 knapp unter der Schwelle, beide Juroren sind sich einig, keine offene Frage. Für Platz sechs gibt es zwei Kandidaten: Nordkai Robotics mit 62 und Elbwerk Studio mit 61. Ein Punkt Unterschied ist bei zwei Bewertungen Rauschen. Hier greift die Regel für Gleichstände: Mit Hafenlicht Mobility steht schon ein Team aus dem Bereich Mobilität und Logistik im Finale, zu dem auch Nordkai gehört. Die Jury nimmt Elbwerk Studio und schreibt den Grund ins Protokoll.
Weil die Regel vor der Ausschreibung feststand, ist das keine Bevorzugung. Hätte die Jury sie erst in dieser Stunde erfunden, wäre es eine.
Schritt 7: Rückmeldung an alle 31
Innerhalb von zwei Wochen nach der Entscheidung bekommen alle bewerteten Teams eine Rückmeldung: die Werte je Kriterium aus beiden Bewertungen, die Begründungen, die Schwellen und den Satz, wie das Ergebnis zustande kam. Keine Namen von Juroren, kein Vergleich mit anderen Teams.
Nordkai Robotics bekommt einen eigenen Absatz: 62 Punkte, zwei unter dem letzten Finalplatz, entschieden durch die Regel für Gleichstände, die in den Teilnahmebedingungen stand. Das ist für das Team bitter. Aber es ist nachvollziehbar, und das ist der Unterschied zwischen einer Absage, über die man sich ärgert, und einer, gegen die man protestiert.
Was es gekostet hat
| Wer | Aufgabe | Aufwand |
|---|---|---|
| Orga-Team | Regeln festlegen, Bogen wählen | ein Nachmittag |
| Orga-Team | Vorauswahl, Nachfrist, neun Absagen | ein Tag |
| Jury | Kalibrierung | eine Stunde |
| je Juror | zehn oder elf Bewertungen | gut vier Stunden |
| Orga-Team | Normierung, Ranking, Protokoll | ein halber Tag |
| Jury | Diskussionszone | eine Stunde |
| Orga-Team | Rückmeldungen an 31 Teams | ein Tag |
Die Bewertungsphase dauerte zwei Wochen, die ganze Runde von der Frist bis zur letzten Rückmeldung fünf. Zum Vergleich: Wer ohne Regeln in eine gemeinsame Tabelle bewertet, spart den Nachmittag am Anfang und verbringt ihn doppelt in der Diskussion am Ende.
Was du übernehmen kannst
Drei Dinge machen diese Runde begründbar, und keins davon braucht Software. Die Regeln stehen fest, bevor die erste Bewerbung kommt, auch die für Gleichstände. Jede Einreichung wird zweimal unabhängig bewertet, und Abweichungen von zwei Stufen werden angesehen, nicht gemittelt. Und die Jury diskutiert nur über die Mitte, nicht über alle.
Der Bogen aus diesem Beispiel ist der Jury-Bogen, als PDF zum Herunterladen. Wie das Finale selbst bewertet wird, steht im Artikel über Pitches im Finale; wie aus Scores ein Ranking wird, im Artikel Vom Score zum Ranking.
Welcher Ablauf zu deiner Runde passt, findest du mit acht Fragen.
Quellen
- Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg, Handbuch 2025 (zwei unabhängige Bewertungen je Konzept, Feedback an alle)
- AcceleratorApp, „How Top Accelerators Score Applications“ (Kalibrierung, Abweichung ab zwei Punkten)
- startklar Businessplan-Wettbewerb OWL, Bewertungskriterien (Gewichtung vorab veröffentlicht)
Fünf Stufen, Ankertexte, Gewichte. Zum Ausdrucken, ohne Anmeldung.