Startups auswählen: 7 Bewertungsmethoden als Bogen
Berkus, Scorecard, Risikofaktoren, Angel-Screening, Accelerator, Jury: Wie Netzwerke, Programme und Wettbewerbe Startups mit Punkten auswählen, und welcher Bogen zu deiner Runde passt. Alle sieben als PDF.

Wer viele Startups in kurzer Zeit auswählen muss, braucht ein Punktesystem. Nicht, weil Punkte klüger sind als Menschen, sondern weil sie zwingen, dieselbe Frage bei jedem Startup zu stellen. Die gute Nachricht: Die Methoden, mit denen Angel-Netzwerke, Accelerators und Businessplan-Wettbewerbe arbeiten, sind fast alle gleich gebaut. Die schlechte: Die meisten Bögen, die im Umlauf sind, haben keine Ankertexte, keine Gewichte und keinen Prozess dahinter. Dieser Artikel vergleicht sieben Methoden, sagt, für wen welche passt, und gibt dir jede als fertigen Bogen.
Eine Vorbemerkung zum Wort. „Startup-Bewertung“ heißt auf Deutsch meistens Unternehmensbewertung, also die Frage nach dem Preis. Hier geht es um etwas anderes: die Auswahl. Passt das Startup in deine Runde, dein Programm, dein Netzwerk? Zwei der Methoden unten (Berkus, Scorecard) wurden als Preisformeln erfunden. Sie taugen trotzdem hervorragend zur Auswahl, wenn du die Euro-Zahl weglässt und das strukturierte Urteil behältst.
Was alle Methoden gemeinsam haben
Wenn du die sieben nebeneinanderlegst, bleibt ein Muster übrig.
Fünf Stufen je Kriterium. Ob die Skala 1 bis 5 heißt, −2 bis +2 oder „viel schwächer“ bis „viel stärker“, es sind immer fünf. Drei Stufen verschenken Information, zehn täuschen Genauigkeit vor, die niemand hat.
Ankertexte an den Enden. Die guten Bögen sagen, was Stufe 1 und was Stufe 5 bedeutet. „Team hat das Problem nie selbst erlebt“ gegen „Team kommt aus dem Problem und hat es schon gelöst“. Ohne Anker bewerten zwei Juroren mit derselben Meinung unterschiedlich, weil sie unterschiedlich zählen.
Gewichte in Prozent. Team und Markt tragen überall am meisten, meist je ein Viertel oder mehr. Produkt und Traktion sind immer dabei. Nachhaltigkeit ist in keiner der verbreiteten Methoden Kern, sondern Zusatz.
Ein Ergebnis von 0 bis 100. Nicht, weil 71 etwas anderes heißt als 68, sondern weil sich damit ein Ranking bilden lässt und ein Schwellenwert („unter 40 kommt nicht in die Jury-Runde“).
Eine Begründung je Note. Hustle Fund nennt das die „because“-Notiz: Jede Zahl bekommt einen Halbsatz, warum. Das ist der Unterschied zwischen Bauchgefühl mit Zahl und einem Urteil, das ein anderer nachvollziehen kann.
Unabhängige Bewertung vor der Diskussion. Wer die Note des Kollegen sieht, bevor er selbst bewertet, bewertet wie der Kollege. Accelerators lassen deshalb erst jeden allein bewerten und reden danach, und nur dort, wo zwei Stufen dazwischenliegen. Der Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg lässt jede Einreichung von zwei Juroren unabhängig bewerten.
Die sieben Methoden
1. Angel-Screening
Herkunft: die Bögen von Angel-Gruppen wie Westchester Angels und der Angel-Squad-Scorecard von Hustle Fund. Kriterien: Team, Markt und Problem, Produkt und Wettbewerb, Traktion, Finanzen und Deal, Go-to-Market. Team und Markt tragen je 25 Prozent, Traktion und Produkt je 15, der Rest je 10. Skala 1 bis 5 mit Ankern.
Für wen: Netzwerke, die aus vielen Bewerbungen wenige Deals für das nächste Pitch-Event auswählen. Die Westchester Angels sagen über ihren eigenen Bogen, er sei „besser zum Ausschließen als zum Auswählen“. Das ist die richtige Haltung für die erste Sichtung: Das Screening sortiert aus, die Tiefe kommt im Gespräch.
Schwäche: Für Startups mit Zahlen ist der Bogen zu grob, für Wettbewerbe ohne Investment-Frage die falsche Frage.
2. Scorecard nach Payne
Herkunft: Bill Payne, Angel-Investor, 2001 veröffentlicht, ursprünglich als „Benchmark-Methode“. Die Idee: Du vergleichst ein Startup Faktor für Faktor mit dem Durchschnitt vergleichbarer Startups derselben Phase und Region. In der gängigen Fassung sechs Faktoren: Team 30 Prozent, Größe der Chance 25, Produkt und Technologie 15, Wettbewerbsumfeld 10, Partner und Vertrieb 10, Kapitalbedarf 10. Jeder Faktor wird relativ bewertet: schwächer als andere, wie andere, stärker als andere.
Für wen: Angels, die viele Deals derselben Phase sehen und einen Maßstab im Kopf haben. Die Mitte der Skala heißt „wie vergleichbare Startups“, das zwingt zur Einordnung statt zur Begeisterung.
Als Preisformel: Der gewichtete Faktor wird mit der durchschnittlichen Pre-Money-Bewertung der Region multipliziert. Für die Auswahl brauchst du das nicht.
3. Berkus
Herkunft: Dave Berkus, Angel-Investor, für Startups vor dem ersten Umsatz. Fünf Fragen: tragfähige Idee, Prototyp, Team, strategische Partner, Markteintritt oder erster Umsatz. Jede Frage mindert ein bestimmtes Risiko (Geschäftsmodell, Technik, Umsetzung, Markt, Produktion), jede zählt gleich, in der Originalfassung bis 500.000 Dollar je Faktor.
Für wen: Programme und Angels, die ganz frühe Teams beurteilen, bei denen es keine Kennzahlen gibt. Fünf Fragen, in zehn Minuten beantwortet.
Schwäche: Sobald es Umsatz gibt, ist Berkus zu grob. Und die Dollar-Beträge sind für den deutschen Markt zu hoch angesetzt; nimm die Struktur, nicht die Zahlen.
4. Risikofaktoren-Methode
Herkunft: die „Risk Factor Summation“, aus dem Umfeld der Ohio TechAngels. Zwölf Risiken: Management, Phase des Unternehmens, Politik und Regulierung, Produktion und Lieferkette, Vertrieb und Marketing, Kapitalbeschaffung, Wettbewerb, Technologie, Recht, Internationalisierung, Reputation, Exit. Jedes von −2 (Risiko hoch, nichts dagegen) bis +2 (Risiko gering oder gut abgesichert). Die Mitte heißt „wie üblich in der Phase“.
Für wen: den zweiten Blick vor der Zusage, nicht das Sieb am Eingang. Als Screening ist die Methode zu breit, als Prüfliste vor dem Term Sheet ist sie die beste der sieben, weil sie zeigt, wo die Due Diligence tiefer gehen muss.
5. Accelerator
Herkunft: die Auswahlpraxis von Programmen wie Techstars, deren Formel Eamonn Carey so beschreibt: „team, team, team, market, traction, idea“. In Punkte übersetzt (eine gängige Gewichtung): Team 35 Prozent, Markt 25, Traktion 25, Produkt 15. Skala 1 bis 5 mit Ankern wie „Fachleute mit Gründungserfahrung“ oder „zahlende Kunden, Zusagen oder messbares Wachstum“.
Für wen: Programme, die Teams aufnehmen statt zu investieren. Die Frage ist nicht „wird das groß“, sondern „lernt dieses Team schnell genug, damit drei Monate etwas bringen“. Deshalb Team über alles.
Prozess: Accelerators sind die Methodenführer beim Ablauf, nicht bei den Kriterien. Unabhängige Bewertung vor dem Gespräch, Abweichungen von zwei Stufen werden besprochen, erste Sichtung am besten ohne Namen und Fotos, Kalibrierung mit ein paar Probe-Bewerbungen, bevor die Runde beginnt.
6. Businessplan-Jury
Herkunft: die deutschen Businessplan-Wettbewerbe. startklar in Ostwestfalen-Lippe gewichtet Geschäftsidee und Alleinstellung 25 Prozent, Kundennutzen und Marktfähigkeit 25, Planungs- und Finanzierungskonzept 25, Team 15, Darstellung 10. Der Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg bewertet phasenweise (erst Produkt und Team, dann Markt, dann Organisation und Finanzen) und lässt jede Einreichung von zwei Juroren unabhängig bewerten. Der changes.AWARD nimmt „Zuverlässigkeit“ dazu, vergeben vom Organisationsteam nach Pünktlichkeit und Kommunikation.
Für wen: Wettbewerbe und Gründerpreise. Bewertet das Konzept, nicht das Investment. Deshalb wiegt die Planung hier gleich schwer wie die Idee, was in keinem Investoren-Bogen so wäre.
Schwäche: Viele dieser Bögen haben keine Ankertexte. Zwei Juroren, dieselbe Einreichung, 3 gegen 5, und niemand weiß, ob sie unterschiedlich denken oder nur unterschiedlich zählen.
7. Investment Readiness Level
Herkunft: Steve Blank, angelehnt an die neun Technology Readiness Levels der NASA. Neun Stufen von „Business Model Canvas ausgefüllt“ über „Problem validiert“ und „Product-Market-Fit belegt“ bis „Kennzahlen validiert, die Investoren verlangen“.
Für wen: als Reifegrad, nicht als Bewertung. Der IRL beantwortet, wie weit ein Team ist, nicht, wie gut. Er passt als einzelnes Feld („Stage“) neben jeden der anderen Bögen, aber er ersetzt keinen.
Welcher Bogen für welche Runde
Du wählst für ein Pitch-Event aus: Angel-Screening. Du hast Zahlen und willst Substanz prüfen: ein Bogen mit Finanzen, Management, Wettbewerb und, wenn dein Netzwerk das will, Nachhaltigkeit. Du organisierst einen Wettbewerb: Businessplan-Jury. Du nimmst Teams in ein Programm auf: Accelerator. Du vergleichst Deals derselben Phase: Scorecard. Du stehst vor der Zusage: Risikofaktoren. Du willst nur wissen, wie weit ein Team ist: IRL.
Und wenn du Wirkung neben Rendite bewerten willst: Häng eine Kategorie „Impact“ an, mit drei Fragen (Tiefe der Wirkung, wächst die Wirkung mit dem Geschäft, ist sie im Modell verankert). Aber mach sie nicht zum Kern, das tut keine der bewährten Methoden.
Drei Tipps, bevor du den Bogen verteilst
Schreib die Anker selbst. Die Bögen unten haben welche, aber deine Jury benutzt deine Sprache. Ein Nachmittag mit zwei Juroren und drei alten Bewerbungen, und die Anker sitzen.
Lass Probe-Bewertungen machen. Drei Bewerbungen vom letzten Jahr, jeder Juror allein, dann vergleichen. Wo die Werte um zwei Stufen auseinanderliegen, ist der Anker unklar, nicht der Juror.
Zeig die Noten der anderen erst nach der eigenen. In einer Tabelle geht das nicht, in einem Formular nur mit Disziplin. In einem Werkzeug geht es automatisch.
Quellen
- Equidam zur Scorecard-Methode
- Eqvista zur Risk Factor Summation
- Allied VC zum Berkus-Rechner
- Hustle Fund, „What Makes a Startup Fundable? A Reusable VC-Style Scorecard“
- Westchester Angels, „Investor Tool for Screening Angel Investments“
- AcceleratorApp, „How Top Accelerators Score Applications“
- Eamonn Carey (Techstars) im Interview mit Unicorn Nest
- startklar Businessplan-Wettbewerb OWL, Bewertungskriterien
- BPW Berlin-Brandenburg, Handbuch 2025
- changes.AWARD, Bewertungskriterien
- Steve Blank, „It’s Time to Play Moneyball: The Investment Readiness Level“
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Startup-Bewertung und Auswahl?
Bewertung im engen Sinn ist die Unternehmensbewertung, also der Preis. Auswahl ist die Frage, ob ein Startup in dein Programm, deinen Wettbewerb oder dein Netzwerk passt. Die Methoden hier dienen der Auswahl; Berkus und Scorecard lassen sich zusätzlich in einen Preis übersetzen.
Welche Skala ist die beste?
Fünf Stufen mit Ankertexten für Stufe 1 und Stufe 5. Weniger Stufen verschenken Information, mehr täuschen Genauigkeit vor. Andere Skalen wie −2 bis +2 oder Schulnoten sind nur andere Beschriftungen derselben fünf Stufen.
Wie viele Kriterien sollte ein Bogen haben?
Sechs bis zwölf. Darunter fehlt Differenzierung, darüber bewerten Juroren die hinteren Kriterien nicht mehr, sondern raten.
Brauche ich Gewichte?
Ja, aber grobe. Team und Markt schwerer als der Rest; in Wettbewerben die Planung gleich schwer wie die Idee. Feinere Gewichte als 1 bis 6 ändern das Ranking praktisch nie.
Ein Jury-Bogen mit fünf Stufen, Ankertexten und der Gewichtung deutscher Businessplan-Wettbewerbe: Idee, Kundennutzen, Planung, Team, Darstellung.